Texte · Kolumnen


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Die Bayerische Marktlücke
April 2008, AZ-Kolumne „Liebe Abendzeitung“
Bayern ist schön, Bayern ist groß und in Bayern sollte es viele junge, kreative Frauen geben, die schauspielerisch oder künstlerisch oder auch journalistisch begabt sind und gerne ihre Meinung kundtun wollen. Dem ist aber nicht so. Das genau ist eine bayerische Marktlücke, die offenbar gerade ich immer wieder füllen muss, egal ob im Film oder jetzt hier in der AZ. Ich, die ich bei Weißwürsten spontan zur Vegetarierin werde und von komplett norddeutschen Eltern aufgezogen wurde, die ich weder der Bairischen Sprache wirklich mächtig bin, noch die Bayernpolitische Gesinnung je teilen werde, das Oktoberfest seit meiner Kindheit aus tiefster Überzeugung boykottiere und Blasmusik kaum erträglicher finde als eine akute Mittelohrentzündung, ich also nun – obwohl ich nicht mal ein Dirndl besitze! – soll als Münchner Kolumnisten-Kindl in die Geschichte der Abendzeitung eingehen. Eine Zeitung, die ich bis jetzt nur gelegentlich im Cafe nach dem Feuilleton und dem Kinoprogramm durchblättert habe. (Das wird jetzt super, mit dem Heft zum rausnehmen!). – Sauba! Des haut mi´ um und des mach´ i glatt, weil i scho´ imma nia mei Mai´ hob hoitn kenna. Do gfrei i mi´… Servus!

Die städtische Blumenpracht
April 2008, AZ-Kolumne „Liebe Abendzeitung“
Schnell: Was assoziieren Sie mit „Frühling“ ? – Maibaum, Spargelpippi und…Natur, Blumen, genau. Es ist der Wahnsinn! Werde ich romantischer oder einfach älter oder gab´s das früher einfach nicht, jedenfalls nehme ich sie täglich mit Freude wahr: die städtische Bepflanzung um mich herum! Die ist wirklich so einen Brief hier wert! Wie es auf dem Bordeauxplatz blüht, wie der Frühling einem aus Betonpötten auf dem Pariserplatz entgegen wächst. Sogar auf den Verkehrsinseln vor dem Gasteig: Tulpen zwischen den Autospuren!- man wundert sich, dass da überhaupt was wächst. Danke! Danke ihr Kamikaze-Gärtner da draußen, ihr ein-Euro-Job-Helfer und Sozialstundenabarbeiter in freier Wildbahn, Danke. Unglaublich auch, dass diese Blumen keiner pflückt, um sie weiter zu verschenken oder ausreißt, aus lauter Aggression auf den Luxus, den wir uns da leisten. Nein, die Blumenpracht scheint uns alle sanft zu vereinen. Und doch blicke ich voller Neid auf die Rabatten, denn mein Balkon ist eine floristische Wüste dagegen, öd und leer, trotz Rescue-Pflanzen-Tropfen. Den Ginseng kann ich als Kletterstange benutzen, der Jasmin bröselt vor sich hin und ich träume davon, dass sich so ein städtischer Romeo mit grünem Daumen endlich auf meinen Balkon verirrt!

CO2-Ausschüttung
April 2008, AZ-Kolumne „Liebe Abendzeitung“
Trotz gutem Willen, Einsicht und Dringlichkeit weiß ich nicht, wie ich meine CO2-Ausschüttung diese Woche verringern kann. Am Mittwoch fliege ich nach Wien, Kostümanprobe, am Freitag nach Hannover, Beerdigung, und am Sonntag nach Leipzig, weil ich Montag dort arbeite. Wie soll ich das mit meinem ökologischen Gewissen vereinbaren? Klar, man könnte da überall prima mit dem Zug hinfahren, wenn man Zeit hätte. Aber ich bin ja auch noch Mama und Ehefrau und bringe das Kind zur Schule, (der Flug geht erst um 9.30 Uhr, das schaffe ich also gerade), habe einen Berg Termine zwischendurch und natürlich hat meine Familie am Wochenende Anspruch auf mich, wenn ich dann sowieso eine ganze Woche gar nicht zu Hause bin, und deshalb setze ich mich sicher nicht den halben Sonntag in den Zug. Und genau da liegt der Konflikt. Da müsste man beruflich glatt umsatteln (es gibt noch schlimmere Wochen), und das tun ja die vielen Jetsetter auch nicht, die täglich zwischen den Metropolen hin- und her düsen und in der S-Bahn neben mir in ihr Handy brüllen. Ja, und wenn’s dann eben doch alle täten? Viele Tropfen auf den heißen Stein – Wirtschaftskrise! Aktiencrash! Flughafenpleite! Aber man hätte Eisberge versetzt!

Entgiftung
April 2008, AZ-Kolumne „Liebe Abendzeitung“
Heute: Jules kleiner Entgiftungstipp! Also, es ist der Wahnsinn, meine Schwägerin hat es gerade gemacht und schwört drauf und ist seitdem dermaßen gut drauf, dass ich´ s mir für´s Wochenende auch vorgenommen habe: die „Leberreinigung nach Dr. Clark“. Kein Scheiß! Das dauert genau 24 Stunden, von denen man ca. eindrittel der Zeit auf dem Klo verbringt, und da haut´ s dir um die hundert Gallensteine raus. Das grenzt an ein Wunder! Und zwar weil du deine Schleusen öffnest, durch aufgelöste Bittersalze, Grapefruitsaft und Olivenöl. Und diese Flüssigkeiten dann zu genauen Uhrzeiten immer wieder zu dir nimmst, wenn du nicht gerade schläfst oder auf dem Klo hockst. Runde, erbsengroße, giftgrüne Gallensteine wirst du in deiner Toilettenschüssel entdecken. Ist das jetzt eklig, oder was? Aber so was gehört doch dazu, zum Frühling. Alles neu macht der Mai! Das erhebt einen danach glatt in eine Aufbruchsstimmung: da kann man dann gleich noch drei Fastentage dranhängen, Joggen gehen, den Balkon neu bepflanzen und sich zum Jogawochenende anmelden. Und das Rauchen ganz aufhören. Oder das Saufen. Beschere deiner Leber in ihrem vergifteten Dasein einen zweiten Frühling nach der Starkbierzeit und sie wird den Biergartensommer mit dir ertragen! Prost.

Erzieherstreik
April 2008, AZ-Kolumne „Liebe Abendzeitung“
Dass die Erzieher unseres Landes streiken, wundert nicht: Sie haben eine viel zu schlechte Lobby, für das, was sie leisten: Sie erziehen unsere Kinder (von 0 bis 17 Jahren!) und werden für diese verantwortungsvolle und mitunter recht anstrengende Arbeit lächerlich bezahlt. Sie sollen familiäre Probleme erkennen und ausgleichen, sozial schwache Kinder fördern und Kindern aus Migrationsfamilien nebenbei deutsch beibringen, damit auch sie optimal auf die Schullaufbahn vorbereitet sind. Den Kleinen müssen Windeln gewechselt, Schuhe gebunden und Essen gefüttert werden. Schulkinder brauchen Lernhilfen, Pubertätskonflikte müssen gelöst werden, Scheidungskinder wollen getröstet sein. Und das alles für deutlich unter 2000.- netto bei Vollzeit? Mal abgesehen von einer anspruchsvollen, langjährigen Ausbildung. Ein Studium an der Fachakademie dauert drei Jahre, vorher müssen diverse Praktika absolviert werden und hinterher ein sogenanntes Anerkennungsjahr.
Bis jetzt trifft der Streik allerdings die Eltern, die panisch Notgruppen organisieren oder extra Babysitter engagieren. Da kann die Stadt sich ja entspannt zurücklehnen. Mein Vorschlag: wir laden alle zu betreuenden Kinder Münchens in der Staatskanzlei ab, und zwar ohne Händewaschen, hungrig, vor dem Mittagessen. Ich bin sicher, das wirkt!

Stoiber
Mai 2008, AZ-Kolumne „Liebe Abendzeitung“
Auf der Bayerischen Fernsehpreis-Verleihung am Freitag fiel sein Name fast ein paar Mal zu oft…, Laudatoren und Moderatoren witzelten, vermissten, erinnerten an Herrn Stoiber. Deshalb wird es Zeit das Geheimnis zu lüften, dass wir, also mein Mann, ich und meine Tochter und somit der ganze ehemalige Kindergarten, inklusive Erzieherinnen und Eltern, ihm, dem Edi, längst ein ehrenwürdiges Denkmal gesetzt haben: den „Stoiber“. Und zwar seit Jahren. Ein feststehender Begriff sozusagen. Wenn es heißt „Mama, gehen wir auf´ n Stoiber?“ oder „Jule, treffen wir uns um drei auf´m Stoiber?“, dann heißt das, wir werden den Nachmittag auf dem schönen Spielplatz hinter dem Wienerplatz verbringen, ja, da beim Landtag (deshalb kamen wir wohl irgendwann auf „Stoiberspielplatz“, obwohl der Edmund ja immer in die Staatskanzlei chauffiert wurde, wurscht, es zählt die Nähe zur Politik!). Wir Erwachsenen wissen also immerhin wer hinter diesem Namen steckt, aber für die Kinder bedeutet „der Stoiber“ immer nur dieser Spielplatz. Ein Ort des Unsinns, des Wachstums, der Unfälle.
Neuerdings wurde da eine Tafel angebracht mit dem wirklichen Namen. Den habe ich sofort ignoriert und vergessen.

Unverhältnis
Mai 2008, AZ-Kolumne „Liebe Abendzeitung“
Wie soll man mit all diesen Bildern und Schreckensinfos der letzten Wochen eigentlich umgehen? Die verwüsteten Städte in China, die toten Kinder am Strand in Burma. Und bei uns dreht sich wieder mal alles um Fußball und den neuen Superstar. Nein, stimmt so nicht, es geht auch um Arbeitslosigkeit und hohe Energiepreise, aber trotzdem: Diese Kluft ist riesengroß! Man zapt zwischen Existenzhorror und Stars auf dem roten Teppich in Cannes. Klar, das eine hat mit dem anderen nichts zu tun, aber in meiner Wahrnehmung bekomme ich diese Welten manchmal nicht mehr unter einen Hut. Diese grenzenlose Dekadenz auf der einen und diese grauenhafte Armut auf der anderen Seite. Wie soll man sich da verhalten!? Wie kann man helfen, einhaken? Ich bin keine Krankenschwester, kein Millionär, und auch kein Politiker, der dieses Ungleichgewicht beeinflussen kann. Ohnmächtig und wütend hört man diese Nachrichten und weiß nicht, ob man dankbar sein soll, im herzigen München geboren zu sein, oder sich fast schon dafür schämen muss. Sich schämen, dass man alles hat und dennoch jammert. Eben hat mir jemand die Brieftasche geklaut, saublöd! Aber ich habe immer noch ein Dach überm Kopf, genug zu essen und darf Filme drehen, um die Menschheit zu unterhalten. Und das ist schon meine Rettung. Ein Zufall. Ein Geschenk.

Fußball
Juni 2008, AZ-Kolumne „Liebe Abendzeitung“
Es gibt einige Dinge, die mich wirklich überhaupt nicht interessieren. Und Fußball gehört in jedem Fall dazu. Deshalb sind diese Wochen, wenn irgendeine Meisterschaft zum Hauptthema wird, wirklich mühsam für den Nichtbegeisterten. Diese grässlichen Fahnen an jedem zweiten Auto, wo einem doch sofort ganz elend wird, wenn Deutsche lauthals Fahnen schwingen. Dazu die ganzen lustigen Fußball-specials, mich erinnert´s an Schlümpfe-sammeln: Beim Metzger die Fußball-Wurst, im Supermarkt gefärbte Fußballeier und beim Bäcker auch noch Fußballsemmeln. Weil wenn man toll findet, wenn irgendwo tolle Profifußballer toll Fußball spielen und man selber nur zuschauen darf, dann will der tolle Fußballfan von heute, um irgendwie seiner Kompetenz Ausdruck zu verleihen eben wenigstens die Fußballwurstsemmel zu seinem Bier beim Fußballgucken. Gut, das alles lässt sich schwer ignorieren, aber muss ich ja glücklicherweise nicht mitmachen. Schlimm wird´s, wenn auch noch alle davon reden oder einen auf Spielergebnisse ansprechen und das eigentlich nur, weil sie selber rumfachsimpeln wollen. Um also dem Fußballwahn zu entfliehen, gehe ich in mein geliebtes Yoga. Doch kaum ist nach Sonnengrüssen und Shanti-Shanti das letzte gemeinsamen „Om“ verklungen, springt die Yogalehrerin von der Matte und ruft: „Wer´s noch nicht mitbekommen hat: Die EM fängt heute an!“ Man kommt einfach nicht drumherum.

Freizeitstress
Juli 2008, AZ-Kolumne „Liebe Abendzeitung“
Dieser Sommer bedeutet den totalen Freizeitstress! Das Filmfest wäre geschafft, da hat man sich abends zwei Filmpremieren hintereinander angetan und dann doch bereut, dass man nicht lieber bei dem Wahnsinnswetter an der Isar mit Freunden gegrillt hat. Freunde konnte man abends eh nie treffen, weil ja außer mir alle immer Fußball gucken mussten und kein Schwein(i) Zeit hatte. Und dann noch diese 850 Veranstaltungen zur 850 Jahrfeier! Die Jahresausstellung an der Kunstakademie und das Leopoldstraßenfest habe ich irgendwie verpasst, ach ja, genau, da waren wir in den Bergen, Geburtstagsfeier auf ´ner Hütte. Die vielen Geburtstage zur Zeit geben mir eh den Rest, muss noch tausend Geschenke besorgen! Und jetzt auch noch das Tollwood, oh je! Auf meiner Liste stehen außerdem noch der neue Woody Allan und diverse Theaterproduktionen, die ich nicht verpassen will vor der Sommerpause und wenn man die Bilder vom Salsa-Rausch auf der Praterinsel sieht, hätte man Lust, da auch mal vorbeizuschauen. Und dann ruft noch meine Mama an und möchte uns auf´s Land einladen! Wer die Wahl hat, hat die Qual! – Da hab ich´s gut: muss eh durcharbeiten bis August und habe für so was keine Zeit.

Marswasser
August 2008, AZ-Kolumne „Liebe Abendzeitung“
Eine Sensation! Zwar fließen weder Milch und noch Honig, aber immerhin Wasser auf dem Mars! Da sind wir ja schon fast gerettet, wenn´ s hier unten nicht mehr weitergeht. Entweder bauen wir eine Sprenkelanlage ins All, wenn der Klimawandel uns japsen lässt oder wir ziehen direkt um. Weil wo Wasser ist, da ist der Wein nicht weit. Und das Leben. Und der Sinn. Und wenn die Marsmännchen wirklich grün sind, gehen die ja vielleicht besser um mit ihrem Planeten, als wir. Hoffentlich sind sie auch gastfreundlich und verstehen unsere Sprache. Weil Struktur müsste man bei denen schon erst reinbringen. Da ist es nämlich wahnsinnig bergig, keine straßen, recht karg und manchen vielleicht zu rot. Überhaupt: Null Infrastruktur, null Botanik, null Kultur. Aber Potential zum Paradies! Und vielleicht könnt man dem Marsmann ja auch die wichtigsten Dinge schmackhaft machen: Livestyle, französische Küche, Latte Macchiato, Porsche Cayenne. Da müsste man den Marsmann allerdings noch überreden, dass er mal bohrt…und vielleicht findet er ja sogar Öl! Oder Gold! Oder beides! Aber ob er dann schlauer ist, als wir? Das ist das einzige auf dem Mars, was ich jetzt wirklich spannend fände zu beobachten.

Schrannenhalle
August 2008, AZ-Kolumne „Liebe Abendzeitung“
Schaut man sich gut florierenden Markthallen anderer Städte an, fallen einem zwei Dinge sofort auf: Die Großzügigkeit der Architektur und das lebendige Marktleben. Beides hat die Schrannenhalle nicht zu bieten. Eher wird die wunderschöne, restaurierte Halle als eine Art Messehalle missbraucht, in die man Schuhkarton ähnliche Stände so eingebaut hat, dass man von der Jugendstil-Architektur möglichst wenig zu sehen bekommt. Was die Schranne wirklich einzigartig machen könnte, wurde nie herausgehoben. Stattdessen schlendert man durch beliebige Konsum-und Schlemmangebote, aber ein Konzept, eine Idee für das Ganze, ist nicht zu erkennen. Es fehlt die Seele, das Herz, wie der Glockenschlag und alle kommen gerannt und gucken, wie sich die Rathaus-Spieluhr in Bewegung setzt. So ein Ort könnte die Schrannenhalle auch sein, ein weiteres, heutiges Münchner Wahrzeichen. Ein bayerischer Bazar, wo sich das regionale Kunsthandwerk ausbreiten kann, vom Filzpantoffel bis zum Gamsbart oder Hirschhornknopf. Da gönnt man sich ein kühles Bier, nimmt eine Priese Schnupftabak, während die Schafe geschoren werden und der sich Ochs am Spieß dreht. Da würd´ ich gerne regelmäßig vorbeischauen!

Metropoltheater
September 2008, AZ-Kolumne „Liebe Abendzeitung“
Zehn Jahre Metropoltheater wurden gefeiert, ich war dabei. Und es ist in diesen Jahren unter der Leitung von Jochen Schölch schon wirklich zu einem Juwel der Münchner Off-Szene geworden, hat Publikumserfolge gefeiert , wurde von der Presse gelobt und unterstützt. Die Herren der Stadt mussten zugeben, zu diesem Erfolg herzlich wenig beigetragen zu haben, im Gegenteil, kaum jemand hatte an ein so langes Bestehen, ein so kontinuierliches Arbeiten geglaubt. Aber ein bisschen vergessen bei all dem Lob wurden die Akteure! Ohne diese Schauspieler - die allesamt nicht davon leben können, wenn sie sich wochenlang einer Produktion in der freien Theaterszene verschreiben- ohne sie mit ihrer Leidenschaft und ihrem Engagement und ihren Nebenjobs würde es all diese kleinen Glanzstücke nicht geben. 50.-Euro pro Vorstellung bekommt man fix, ist das Haus ausverkauft, vielleicht mal 90.-Euro. Spielen tut man fünf bis acht mal im Monat, reich wird da wirklich niemand. Und trotzdem gibt es diese Idealisten, die lieber gutes Theater machen, als schlechte Soaps zu drehen und dafür muss man ihnen zum „Zehnten“ mal allen dankbar um den Hals fallen!
…und wenn sie noch nie da waren, gehen sie doch mal hin!

Oktoberfest
September 2008, AZ-Kolumne „Liebe Abendzeitung“
Die Bilder und Berichte von der Wiesn nehmen kein Ende! Ehrlich, ich als Nicht-Wiesn-Gänger, ich kann´s nicht mehr sehen. Erst Wochen bevor es überhaupt losgeht, wird sich täglich darüber ausgelassen, wie teuer die Mass Bier dieses Jahr ist und wo welches Zelt mit wie vielen Voranmeldungen diesmal steht. Dann endlich ist es soweit, der heilige Eröffnungstag, alle pilgern in der feschen Bayerntracht wohlgelaunt zum Festplatz und sehen ein paar Stunden später, wenn sie im Suff nach Hause wanken, alle nur noch halb so gut aus. (Vielleicht wäre eine „Vorher-Nachher-Fotosession ja ganz unterhaltsam!?) Dennoch scheint es Spaß zu machen, sich durch die bunten Massen schieben zu lassen und das wird dann ja auch täglich in der Tageszeitung kommentiert: Fotos von oben, auf defekte Achterbahnen, von der Seite, von hinten. Bilder von Halbprominenten Dirndldamen die überdreht den Bierkrug stemmen und Lederhosenburschen, die in Haxen beißen oder mit ihren riesigen Pranken irgendeine Taille eng umschlingen. Da scheint die Landtagswahl ja nur ein kleiner, politischer Zwischenfall zu sein, ein kleines Bayern-CSU-debakel, dass aber nach der dritten Maß dann doch weggespült und vergessen ist. - Ich trinke lieber zu Hause auf das Ende der Alleinherrschaft und lese erst wieder ab kommender Woche Zeitung! Prost!

Novembersommer
November 2008, AZ-Kolumne „Liebe Abendzeitung“
Was für ein Wetter! Im November im T-Shirt im Englischen Garten in der Sonne sitzen, da kann man der Klimakatastrophe doch glatt was Positives abgewinnen. Aber schlendert man anschließend durch die straßen, ist man komplett irritiert: Die Vorbereitungen auf´s Weihnachtsgeschäft laufen auf Hochtouren! Adventskränze werden im Blumenladen gebunden, Die Lebkuchenregale biegen sich, Weihnachtskarten in den Drehständern vor der Türe und statt der Kürbis-Helloween Dekoration werden die Lichterketten herausgezerrt. Jetzt schon? Tatsächlich, ist gar nicht mehr so lange hin, bis man den Kindern wieder den Adventskalender füllen muss, das erste Kerzlein angezündet werden darf und das Gedudel des Christkindlmarktes herüber schallt. Über Wochen wird man jetzt also wieder zugeklebt mit Punsch, Keksen und Halleluja, dass einem dann spätesten am ersten Weihnachtsfeiertag schlecht ist, und muss durch die Stadt hetzten auf der Jagd nach passenden Geschenken. Mich beschleicht da jedes Jahr um diese Zeit so ein kleiner Horror: Da genießen ich doch jeden Sonnenstrahl der noch wärmt und mich die Winterzeit verdrängen lässt.

Vorweihnachtszeit
November 2008, AZ-Kolumne „Liebe Abendzeitung“
Halleluja, jetzt geht das wieder los! Wenn ich schon sehe, wie sie den Brunnen am Weissenburgerplatz in seine Winterkiste packen und rundherum die Stände für den Christkindlmarkt aufbauen, wird mir vom imaginären Jamaikaglüh gleich übel. Ich freue mich da nicht. Ich mag weder diesen süßklebrigen Geruch, noch die Gesänge der russischen Kinderchöre aus leicht übersteuerten Boxen, noch habe ich jemals etwas wirklich Hübsches auf diesem Christkindlmarkt gefunden, das man ohne schlechtem Gewissen verschenken kann. Es ist eng, es ist kalt, die Standbesitzer schlecht gelaunt und egal, was man da isst oder trinkt, hinterher bereut man es. Trotzdem geh ich hin, allein schon wegen meiner Tochter: Sie findet besonders den Stand mit dem Plastikschrott-Spielzeug großartig und brüllt mir Geschenktips ins Ohr, während eine blau angemalte Frau, die behauptet sie sei das Christkindl, über Verstärker irgendwelchen Adventsgeschichten für dreijährige fehlerhaft vorliest. Letztes Jahr ist sogar das Pony, das die Kinder in einer Kutsche dreimal im Kreis zieht, durchgedreht und in den Glühweinstand gerast. Da hilft wohl nur die Flucht in den Stall: tief zwischen Kuh und Esel vergraben und auf den Frühling warten.

Familienfeste
Dezember 2008, AZ-Kolumne „Liebe Abendzeitung“
Ich persönlich habe jetzt nicht wirklich den Hang zum Familienfest. Weil: Familie sucht man sich ja nicht aus. Da landet man per Zufall. Und dann kann man nicht anders, als mitmachen. Dabei ist es mit Freunden meistens viel lustiger!?
Weihnachten zum Beispiel. Ich erinnere mich an Jahre, also, vor der Scheidung, da haben meine Eltern durchgestritten. Und dann kam der 24.12. und unter unserem riesigen Tannenbaum lagen Berge von Geschenken und alle waren irrsinnig bemüht und lieb zueinander. Das fand ich schon als Kind verlogen! Da hätte ich es besser gefunden, den Frieden mehr auf das ganze Jahr zu verteilen und die „heilige Familie“ zu praktizieren, statt sie an einem heiligen Abend nur zu besingen und schon am ersten Feiertag hängt der Haussegen wieder schief. Und man hat ja auch gar keine Lust, jemandem etwas zu schenken, der einen alltäglich anmuffelt oder anraunzt. Oder mit so jemandem dann Gänsebraten zu essen. Obwohl es bei uns auch echt nette Leute in der Verwandtschaft gibt, enden diese Familienfeste bei mir meistens mit Müdigkeit, Übelkeit und Überhitzung.
Kann gut sein, dass ich das kompensieren muss, indem ich Familienstücke für das Theater der Jugend inszeniere!?

Schlechte Schlagzeilen
Januar 2009, AZ-Kolumne „Liebe Abendzeitung“
Nach der großen Obama-Vereidigung scheint es ja keine wichtigen Themen mehr zu geben auf der Welt!? Das ist jetzt die dritte unerträgliche Schlagzeile! Erst die Dschungel-Deppen, dann noch mal die Bestätigung, dass man sich den ganzen Blödsinn angesehen hat und jetzt irgendein Promigeturtel, das auf dem schlechten Foto nicht einmal danach aussieht. Ich weiß, dass die AZ ein Boulevardblatt ist, aber man kann sich ja auch nach oben orientieren und nicht das Niveau ins Bodenlose kippen lassen. Immerhin gibt es einen neue Kfz-Steuerregelung und Herr Zumwinkel läuft immer noch frei rum...! Selbst Frau Schaeffler in Moonboots hätte ein imposanteres Titelbild abgegeben. Ich persönlich wundere mich auch, dass sich journalistisch kaum darüber ausgelassen wurde, was für ein Unding es ist, dass es für ein verschrottetes Auto 2500.- Euro geben soll, pro Kind aber nur 100.-Euro! Das wäre doch mal eine ausführliche Gesellschaftsstudie wert!
Bitte erspart uns weitere Peinlichkeiten auf dem Titel (z.B.: Bernd das Brot, mit Augenklappe – ein großes NEIN!), sonst schlage ich bald nur noch die AZ auf, um „die Stadt“ - Beilage heraus zu nehmen. Viel Inspiration wünscht der AZ-Redaktion,
Jule Ronstedt

Faschingsfreuden
Februar 2009, AZ-Kolumne „Liebe Abendzeitung“
Ich habe mich immer viel und gerne verkleidet, aber Fasching befremdet mich total. Es gibt von mir ein Kindergartenfoto, auf dem ich, als Krankenschwester verkleidet, umringt von Cowboys, Clowns und Indianern, einen Krapfen in der Hand halte und weine. Vielleicht war das auch der Moment, als ich mich entschied, später Schauspielerin zu werden: Verkleiden gerne das ganze Jahr, aber dann bitte in übersichtlichen Gruppen, ausgefeilten Texten und mit Sinn. Zielorientierter Rollenwechsel. Auch sehr gut für die Psyche mit unter. Weil, dass man sich danach sehnt, mal auf die Kacke zu hauen, laut zu sein und unerkannt die Sau raus zu lassen, ist ja verständlich. Bei den Kölner Jecken beispielsweise, ist es durchaus üblich, dass sich (glückliche!) Paare nach zwei, drei Tagen Karneval erst wieder am Aschermittwoch in der gemeinsamen Wohnung begegnen, ohne sich Vorwürfe zu machen! Es ist erlaubt, es im bunten Treiben bunt zu treiben. Hellau! Sonderurlaub für Leib und Seele. Wahrscheinlich doch so eine Art Reinigung, eine Art traditionelle Urschreitherapie. Die einen machen den Tantra-Mantra workshop, die anderen feiern Fasching und wieder andere stellen sich auf die Bühne. Jedem sein Chi!

Filmpreis
Februar 2009, AZ-Kolumne „Liebe Abendzeitung“
Ich war dabei! Saß tatsächlich im erlesenen Publikum im Cuvilleetheater bei der Verleihung des Bayerischen Filmpreises, neben meiner Freundin Sophie von Kessel, die eine Laudatio halten musste und ich ihr gegen die Aufregung die Hand. Die Preise wurden unüberraschend und unglamourös verteilt und nach drei Stunden sitzen und klatschen, stand man kurz vor der Dehydrierung. Und dafür so ein Aufwand! Ich kriege den ersten Schweißausbruch, wenn die Einladung im Briefkasten ist: Was ziehe ich da an? Man will nicht wirklich auffallen, aber schick muss es sein und tausende von Euro für diesen Abend will man in diesen harten Zeiten auch nicht verbraten. Wenn man dann endlich ein Kleid hat, meistens wurde es von netten Designern „zur Verfügung gestellt“, und sogar die einzigen Highheels im Schrank zufällig dazu passen, ist schon die erste Hürde genommen. Dann stellt sich die Frage, wer einem die Haare zur Frisur zaubert und schminkt. Wir Schauspielerinnen können das meistens nicht, weil wir normalerweise in den Händen professioneller Maskenbildner landen und deshalb nie selbst Hand anlegen müssen. Wenn man auch das organisiert hat und nach drei Stunden dann so aussieht, das man sich kaum wiedererkennt und sich gut verkleidet fühlt, fährt man also mit dem Taxi vor bis zum roten Teppich. Der einzige Grund wieso man nicht wie gewöhnlich die Trambahn nimmt, sind die hohen Absätze und die Kälte, weil der Daunenanorak einfach doof aussieht zum Abendkleid. Dabei sein ist eben alle.

Schule
März 2009, AZ-Kolumne „Liebe Abendzeitung“
Dieser Wahnsinn der Bewertung! Nachdem wir noch vor den Faschingsferien eine freundliche, schriftliche Bewertung als Halbjahreszeugnis der 2.Klasse unterschreiben mussten, kam unsere Tochter heute zum ersten Mal mit einer echten Note nach Hause. Und sofort denke ich darüber nach, wie ich ihr das ganze Gemessenwerden, Vergleichen, Bestehen und Versagen in Zukunft ersparen kann. Doch schnell auf eine Waldorf- oder Montessorischule wechseln? Ich traue unserem Schulsystem da einfach nicht über den Weg. Und wenn man in den Medien verfolgt, wie über die verkürzte Gymnasiallaufbahn gestöhnt wird, dann wünscht man sich sofort eine Alternative für sein Kind. Alleine diese Anmaßung , bereits im vierten Schuljahr entscheiden zu müssen, ob ein Kind zum Gymnasiasten oder doch nur zum Real- oder Hauptschüler taugt! Oder geht man davon aus, dass mit zehn Jahren die geistige Entwicklung derart abgeschlossen und das schulische Interesse eh dahin ist? „Eine Schule für alle“ hat sich ein Verein genannt, der nach Alternativen sucht und am 5.März einen Infoabend für Eltern und Lehrer veranstaltet, die keine Angst vor radikalen Veränderungen haben. Mehr: www.eine-schule.de

Amoklauf
März 2009, AZ-Kolumne „Liebe Abendzeitung“
Beim Anblick der älteren Schüler auf der straße geht mir wieder die Frage durch den Kopf: Wie kommt es, dass da ein einzelner Junge so durchdreht? Was ist der Auslöser für dieses entsetzliche Schülergemetzel ? - Computerspiele? Depressionen? Mädchenhass? Oder ist nicht das Wesentliche doch dieser Waffenwahn? Mit einem Messer oder bloßen Händen, hätte der Junge niemals so ein Blutbad anrichten können, aber wenn der Griff zur Waffe so einfach ist…

Ich finde es gibt nach diesem Amoklauf in Winnenden nur eine konsequente Präventivmaßnahe: Ein deutschlandweites Waffenverbot für Privatleute. Keine Sondergenehmigungen, keine Scheine, die man machen kann. Schluss. Aus. Waffennarren müssen auswandern oder zu Pfeil und Bogen übergehen. Oder gibt es einen plausiblen Grund, warum eine Privatperson eine Schusswaffe besitzen muss? Nicht nur eine, vierzehn oder hunderte!? Und reichlich Munition dazu! Und dann Schießübungen absolvieren, nur so als Hobby. Was ist daran sportlich? Das ist einfach nur gefährlich. Warum konnte dieser Vater in Winnenden nicht einfach Bierdeckel sammeln oder Fußballgucken oder seinen Sohn für Billardspielen begeistern, da muss man auch gut Zielen.

Sonntage
April 2009, AZ-Kolumne „Liebe Abendzeitung“
Manchmal kommen einem Sonntage schrecklich lang und trostlos vor. Und dann noch dieser familiäre Druck, dass man jetzt was ganz Besonderes zusammen machen muss, weil man schon die ganze Woche aneinander vorbeigehetzt ist. Und ein bisschen an die frische Luft sollte man gehen, weil das eh während der Woche zu kurz kommt. Oder mal endlich wieder ein bissl Kultur? Die Ausstellung im Haus der Kunst wollten wir doch sehen. Und danach schön zusammen Essengehen. Also: Man verbindet alles in ein dickes Sonntagsausflugspaket. Packt das maulende Kind in den Anorak und lockt es Meter für Meter mit Versprechungen: kriegst ein Eis unterwegs, zurück nehmen wir die U-Bahn, darfst auch vor dem Schlafengehen noch fernsehen. Dann –kaum ist man im Museum angekommen- Pinkelpause und erste Hungerattacken. Schnell die Kunst konsumiert, um danach mit dem Taxi – jetzt muss es schnell gehen- auf direktem Wege zu der Kneipe zu kommen, die den besten Bio-Schweinebraten der Stadt hat. Die haben zu. - Schlechtgelaunt zieht man in ein nahe gelegenes 0815 -Lokal und haut sich dort wortlos ein unbiologisches Schnitzel rein, um dann endlich per U-Bahn Heim zu fahren, das Kind bettfertig zu machen und den versprochenen Kurzfilm sehen zu lassen. Ganz ehrlich: ich persönlich freu´ mich da am Abend richtig auf den Montag, der uns allen eine gewisse Struktur verleiht! Da darf dann jeder in seinem Tempo seinen Pflichten nachgehen und muss sich nicht gemeinschaftlich erholen.

Abwrackprämie
April 2009, AZ-Kolumne „Liebe Abendzeitung“
Es ist schön, manche Dinge einfach loszuwerden, ohne dass man dafür was bekommt. Aber das die Bundesregierung jetzt die verschiedenen Abwrackprämien einführen will, das motiviert doch gleich ganz anders! Endlich mal schnelles, innovatives Handeln von Seiten der trägen Politiker. Mutiges Geldausgeben für nigelnagelneue Flitzer wird belohnt, man fühlt sich sogar noch ein bisschen „grün“, wenn man seine alte Stinke-Karre verschrotten lässt, die eh keine grüne Plakette mehr für die Innenstadt bekommen hätte. Letzte Woche wurde über eine Altwaffenabwrackprämie nachgedacht: Da kann man die ganzen gebunkerten Handgranaten aus dem zweiten Weltkrieg hinbringen und dann..., ja, kriegt man dann neue Pumpguns bezuschusst oder wie? Zur Prämie für die Kaffeemaschine hätte ich auch noch eine frage: Gilt auch Espresso? Wobei- eigentlich funktioniert meine noch. Aber die Oma-Abwrackprämie tät ich gern in Anspruch nehmen: Kann man da die Oma direkt abgeben oder nur bei Nachweis eines positiven Schwangerschaftstests? Das ist dann aber schwierig über´ s Internet! Gelten auch bereits entstandene Kinder, die man nicht extra neu macht? Weil, ehrlich: Die Kleinen sind ja noch günstig, aber je älter, umso teurere wird es! Ah, eine Frage noch: Gäbe es für den Opa eigentlich mehr Euro als für die Oma? Das wär´ auch noch eine Überlegung.

Die Männer und die Bestechlichkeit
August 2009, AZ-Kolumne „Liebe Abendzeitung“
Beim Thema Bestechlichkeit und Geldschieberei ist eines immer wieder auffallend: Ausschließlich sind Männer aktiv daran beteiligt. Ja, ganze Männerrunden schlittern ins absehbare Verderben. Die Jäger auf der Walz! In diesem Falle lassen sie das Wild ziehen und erbeuten Macht und Reichtum, gewürzt mit einer Prise „Wichtigsein“. So können sie sich Luxus-Höhlen leisten und mit dicken Konten ihre Weibchen stark beeindrucken, zumindest solange sie frei herum laufen. Bei Politikern wird es dann insofern ekelhaft, dass wir sie gewählt haben und dachten, diese klugen Männer sind am sozialen und gesellschaftlichen Miteinander interessiert und stellen sich (gut bezahlt, wohlgemerkt!) in den Dienst der Bürger. Aber mit steigendem Kontostand scheint der Gemeinschaftssinn und die Moral zu sinken und es geht nur noch um die exklusive Bereicherung. Da könnten diese labilen Kerle doch echt was von uns Frauen lernen: Das Zauberwort heißt „Selbstlosigkeit“! Das bedeutet, dass man dem Kind auch den Hintern wischt, obwohl es gerade die Suppe nicht gegessen hat. Da geht es um Liebe, Verantwortung und Bescheidenheit. Die andere Möglichkeit wäre: Mehr Frauen an die Macht...!

Kindergeburtstag
November 2009, AZ-Kolumne „Liebe Abendzeitung“
Unsere Tochter wird jetzt acht Jahre alt. Wie das gefeiert werden soll, hat sie ziemlich klar geplant: Ein Fest in der Schule (Muffins), eine Kinderparty mit ihren Freundinnen (Waffeln, Schnitzeljagd, tolle Preise) und dann natürlich das Kaffeekränzchen mit der Verwandtschaft, das bis zum Abend dauert (erst Kuchen, danach Buffet mit Kürbissuppe!). Dazu hat das geliebte Kind in seiner tagelangen Vorfreude 18 Leute eingeladen, was sehr schlau ist, da bekommt es nämlich ebenso viele Geschenke. In gewisser Weise hat sie uns mit ihrer Geburtstagseuphorie angesteckt:


Mama und Papa kaufen stundenlang ein, verpacken kunstvoll die Geschenke, backen nachts gewünschte Marzipantorten (Hilfe!) und streiten sich, ob das Pferd auf der Torte mit Schokoguss gemalt oder auch aus Marzipan gebastelt sein sollte und wo da eigentlich noch die Acht hinpasst. Wir sprechen derzeit immer wieder Französisch, damit sie es nicht verstehen kann, um zu klären, ob Girlanden oder Smarties besorgt wurden. Nur blöd, das es auf Französisch eben auch „Girlande“ heißt und für „Smarties“ endlose Umschreibungen nötig sind, die mein Wortschatz nicht hergeben.
Mein eigener Geburtstag fällt aus!

Wirtschaftskrise
November 2009, AZ-Kolumne „Liebe Abendzeitung“
Zum Glück brauche ich zu meinem Glück weder einen Porsche, noch Cartierklunker um den Hals. Sehe ich eine Rolex an einem Männerhandgelenk, interessiert mich der Rest sofort gleich null, die Marke meiner Jeans ist mir egal und einen Personal Trainer leiste ich mir auch nicht, obwohl es nicht schaden würde. Ich habe auch noch nie diesen Markenwahnsinn verstanden, also, warum man für eine Armanijeans ordentlich hinblättern soll, nur weil Armani draufsteht. (Und trotzdem lassen die in Indien produzieren und bei H&M kostet die ähnliche Hose dann ein Viertel, was wieder unverhältnismäßig billig ist!)


In Zeiten der Wirtschaftskrise sollten wir also auf diesen ganzen Luxuskram scheißen und uns auf die wahren Werte im Leben besinnen. Uns geht es sowieso gut! Verschenken wir doch ein kleines Lächeln in der U-Bahn oder freuen uns an den letzten bunten Blättern am Baum! Statt Überstunden mehr Zeit mit den Kindern! Statt teurem Tanken einen Isarspaziergang! Roibuschtee statt edlem Rotwein! Cornflakes statt Kaviar! Gürkchen statt Zigarren! – Wenn die Wirtschaftskrise vielleicht nicht gleich einen besseren Menschen aus uns macht, aber in jedem Fall einen gesünderen.

Winter-Theorie
Januar 2010, AZ-Kolumne „Liebe Abendzeitung“
Gestern hat mich ein Bekannter besucht und als er hörte, wie ich auf diese kalte Jahreszeit geschimpft habe, weil ich einfach kein Freund von Kälte bin und aus mir auch kein Skihaserl mehr wird, da sagte er, dass es ohne diese grauen Tage, aber sicher nicht so viele Dichter und Denker in Europa geben würde. Das ist eine starke Theorie! Das würde ja bedeuten, dass wir nur so viel Kultur hier haben, weil der Winter so wenig Lebensqualität bietet. Da hocken alle Menschen in ihren Wohnzimmern und aus lauter Langeweile und Schwermut werden sie ganz tiefsinnig. Und kurz vor der Depression greift man dann eben zum Pinsel! Oder schreibt ein Gedicht oder erfindet Geschichten oder töpfert Skulpturen. Und ganz ehrlich: Ich lass im Sommer auch lieber meine Füße in der Isar baumeln mit einem Eis in der Hand, als mir anspruchsvolle Theaterstücke auszudenken oder konfliktreiche Handlungsstränge für irgendwelche Drehbücher zu überarbeiten. Drum gibt´s in Thailand keinen Goethe! Also, ich werde versuchen diesen grauen Monaten etwas abzugewinnen, in dem ich sie vollkommen meiner künstlerischen Kreativität zur Verfügung stelle – und Notfalls fliege ich zur Recherche in die Tropen.

Kinder
April 2010, AZ-Kolumne „Liebe Abendzeitung“
Deutschland hatte sich vor zehn Jahren zum Ziel gesetzt, eines der kinderfreundlichsten Länder der Welt werden. Das ist schief gelaufen. Es leben hier rund fünf Millionen Kinder an oder unter der Armutsgrenze. Nach wie vor gibt es zu wenig Ganztagsschulen, Kinderkrippen, Horte. Gut, da gibt es mehr Geld, wenn man sich brav entschließt, überhaupt Kinder in die Welt zu setzen. Aber hat das nicht eher mit wirtschaftlichen Interessen, als mit Kinderliebe zu tun? Irgendjemand muss den Schuldenberg ja mal begleichen, den wir angerichtet haben.


Für das Wohl der Kinder ist kein Geld da. Auch in München gibt es Beispiele: Neulich sammelten Ehrenamtliche vor dem Supermarkt Sachspenden für „Ghettokids“ vom Hasenbergl. Bevorzugt benötigt wurden Reis, Speiseöl, Konserven. Nein, München, keine Dritte-Welt-Sammlung! Auch die Renovierung der Schultoilette, um die sich die Elternschaft vom Tagesheim an der Hochstraße seit Jahren bemüht, weil ihre Kinder sich über Stunden verkneifen pinkeln zu gehen, um dieses Örtchen zu vermeiden, wäre ein Beispiel. Genauso marode und unrestauriert bleibt unser Bildungssystem und stinkt weiter zum Himmel. Wo bleibt die große Revolte! Kinder an die Macht!
Organisation www.kiwanis-muenchen.de oder auch www.ghettokids.org nehmen sich dem Thema an!

Ferienplanung
August 2010, AZ-Kolumne „Liebe Abendzeitung“
Kennen Sie das? Egal wo man gerade ist, wird man dieses Gefühl nicht los, woanders wäre es jetzt besser. Was unsere diesjährige Ferienplanung angeht, bin ich mir da sogar ziemlich sicher. Diesen August hatten wir als einen Sommer in Bayern geplant. Nach dem Motto „Wohnen wo andere Urlaub machen“ wollten wir zwischen Bergen, Seen und Flüssen durch die ländliche Idylle streifen, die man ja vor der Türe hat. Sollen sich die anderen doch an den Stränden des Mittelmeeres die Füße platt treten! Bätsch, wir machen es uns zu Hause schön! Und jetzt kam es ganz anders: Von der ersten und einzigen Wanderung brachten wir schmerzhafte Blasen und einen fiesen Schnupfen mit. Seitdem sitzen wir im Dauerregen in unserer Wohnung, trinken Tee, Socken an den Füßen, die Glotzen läuft in regelmäßigen Abständen und mit Sommerferien hat das alles wenig zu tun, eher erinnert es an die triste Vorweihnachtszeit. Ich werde jetzt ins Reisebüro pilgern und sehen was sich noch retten lässt. Bleibt nur zu hoffen, dass ich keine weitere Fehlentscheidung treffe und wir nicht in einer Hitzewelle oder einem Waldbrandgebiet landen!.

Welche Krise?
November 2010, AZ-Kolumne „Liebe Abendzeitung“
Heißt es nicht Krisen bieten Chancen? „Krise“ ist ursprünglich ein Fachwort aus der Medizin, „das den entscheidenden Punkt einer Krankheit bezeichnet“, sagt mein etymologischen Wörterbuch. Plötzlich liest man: in Bayern boomt es wieder, der Aufschwung kommt, die Steuern sprudeln. Ein Wunder! Scheinbar ist Heilung eingetreten! Die Frage ist nur: Ist der Tumor gänzlich entfernt oder haben wir uns nach der ersten Chemotherapie nur schnell die Perücke aufgesetzt? Die Chance auf große Reformen wurde politisch wieder nicht genutzt: zu viel Angst, zu viel Aufwand. Bloß nicht Umdenken, bitte keine Alternativen. Lieber Laufzeiten für Kernkraftwerke verlängern und das Hartz Vier-Minimum um ein paar Cent erhöhen. Lieber schön festhalten, an dem was der Bauer kennt und fressen muss, auch wenn´s ihm nicht schmeckt.


„Crises? What Crises? I don´t see any Crises.“ Sagte der Grieche, der uns das Ferienapartment vermietet hatte und steckte sich die Eurobündel in die Hosentasche, nachdem er eine Überweisung auf sein Konto abgelehnt hatte. Gut. Dann warten wir ab, ob beim nächsten Geschwür richtig operiert wird. Oder ob noch operiert werden kann. Es wuchert weiter. Sicher.

Schulsystem
Januar 2011, AZ-Kolumne „Liebe Abendzeitung“
Nach vier Jahren herziger Grundschule steht nun 2011 der Schulwechsel unserer Tochter an. Natürlich wünschen wir ihr das Gymnasium. Seitdem ich meine zwei pubertären Halbgeschwister in ihrem schulischen Siechtum beobachten kann, plagen mich allerdings größte Zweifel. Beim Erstinformationsabend beschreibt die Dame vom Gymnasium es so: „Die Kleinen kommen voll Elan zu uns und dann bekommen´s erstamal an Dämpfer.“ G8 ist eben kein Zuckerschlecken. Nein, Hobbys können die Kleinen dann keine mehr haben, selbst der Schulchor hat kaum noch Mitglieder, weil nachmittags gelernt werden muss. Freunde sind auch ungünstig, man kann eh nie spielen: bis 16.00 ist oft Unterricht, danach wird zu Hause gebüffelt. Da informiere ich mich doch lieber an Waldorf- und Montessorischulen, aber mir wird beim ersten Telefonat versichert, dass es keine Chance auf Plätze gibt. Die Wartelisten in den fünften Klassen sind übervoll. Warum wohl? Weil kaum jemand dem bayerischen Schulsystem traut, nicht mal der Direktor, der uns zum Info-Gespräch in seinem Büro empfängt: „Ich sag´s ihnen ehrlich: G8 ist eine Katastrophe! Aber wir versuchen das Beste draus zu machen.“ Das werten wir als Pluspunkt. Aber das es soweit kommt.

Atomkraft? Nein Danke!
März 2011, AZ-Kolumne „Liebe Abendzeitung“
Liegt Hundescheiße auf der Straße, besteht die Möglichkeit hinein zu treten. Baut man Bomben, können sie hoch gehen. Betreibt man Atomkraftwerke, besteht die Gefahr, einer atomaren Katastrophe. So schwer ist das doch nicht zu verstehen, selbst die CDU scheint das langsam zu begreifen, auch wenn sie jahrzehntelang diese Bedrohung stur ignoriert hat. Traurig genug, dass erst der Super-Gau in Japan zur Einsicht führt, dass diese Art „Restrisiko“ nicht tragbar ist. Endlich wird darüber nachgedacht dem Menschen, der Gesundheit, dem Leben an sich, dann doch die Priorität vor den wirtschaftlichen Interessen einzuräumen. Umso mehr erstaunt es, dass es immer noch Kernkraft-Befürworter gibt! Was denken die denn? Dass wir Menschen strahlenresistent oder Krebsgeschwüre irgendwann schick werden? No risk, no fun? – Japan führt so deutlich vor, wie schnell Unvorstellbares passieren kann und wie lebensgefährlich Atomkraft sein kann. Deshalb: Heute um 14.00 Uhr zur Demo auf den Marienplatz!!!

Ich hätte da ein paar Fragen...
Oktober 2011, AZ-Kolumne „Liebe Abendzeitung“
Wieso begleicht man Schulden mit noch mehr Schulden? Was passiert mit einem Land, wenn es pleite geht? Ist es dann weg? Und wieso muss man Banken retten? Wie kann es überhaupt sein, dass ein paar Ratingagenturen ganze Länder vor sich hertreiben? Hat die Politik überhaupt noch etwas zu melden? Warum fühlt sich keiner verantwortlich? Funktioniert da noch Demokratie? Warum verstehe ich die Zusammenhänge nicht? Und wieso schnürt man keine Millionenpakete, wenn Hunderttausende von Kindern in Somalia verhungern? Haben sich die Prioritäten so verschoben? Ist Geld das höchste Gut, die gültige Weltsprache, die jeder versteht? Weshalb machen wir uns vom Geld so abhängig? Heißt Geld denn Glück? Oder gibt es noch andere Ziele? Geht es auch um das Wohl des Menschen? Hat Wirtschaftswachstum eigentlich ein natürliches Ende? Ist die Wirtschaft für die Menschen da oder die Menschen für die Wirtschaft? Haben wir es nicht selbst geschaffen? Ist ein System das kollabiert noch erhaltenswert? Und wenn nein, wie kommt man raus aus dem Schlammassel? Sollte man das Geld lieber wieder abschaffen? Warum werde ich das Gefühl nicht los, keiner hat mehr den Durchblick? Oh je, wie wird das enden?

Mogelpackung
Mai 2012, AZ-Kolumne „Liebe Abendzeitung“
Ich glaube, ich war 15, als ich zum ersten Mal auf einer Anti-Atomkraft-Demo war. Und Schwupps, keine 25 Jahre später, ist es beschlossene Sache: 2022 sollen alle Atomkraftwerke vom Netz! Endlich mal Einigkeit, Vernunft und Weitsicht. Aber beim genaueren Betrachten erkennt man das gigantische Hintertürchen, das da sperrangelweit offen steht: 10 Jahre lang soll der Ausstieg komplett „pausieren“. Umgekehrt bedeutet das also eine zehnjährige Betriebsgarantie. Erst 2021 sollen sechs Reaktoren und 2022 drei vom Netz gehen - tödliche Risiken und Nebenwirkungen entnehmen sie bitte der Packungsbeilage! Schwarz-Gelb lässt erstmal 10 Jahre viel Wasser die Kühltürme herunter laufen, vielleicht lässt sich dann ja wieder unaufgeregter über Laufzeitverlängerungen debattieren. Im Moment klopfen sie sich jedenfalls auf die Schulter, weil sie ihre selbstverlängerten Laufzeiten wieder verkürzen. Warum keinen Stufenplan, Frau Merkel? Warum keine eindeutigen Abschaltdaten für jeden einzelnen Reaktor? Worauf warten wir? Es gibt Studien, die zeigen, dass ein Ausstieg bis 2015 problemlos möglich ist - ohne den Import von Atomstrom. Es ist nicht alles Gold, was strahlt...

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